Turn and face the strange

David Bowie ist am Sonntag gestorben, und ich kann das immer noch nicht glauben.

Für Spex.de habe ich versucht, meine ersten Erinnerungen an ihn aufzuschreiben, was nicht einfach fiel, weil er einfach irgendwie immer schon da war und, so hatte ich angenommen, auch immer da sein würde. Hier noch ein paar Gedankenbröckchen mehr.

Er sah aus wie ich. Obwohl er nicht von „Biggis Frisierstübchen“ oder „Schnippschnapp“ (wie die schmerzensreichen Friseursimitate meiner fränkischen Dorfjugend hießen) verzuppzottelt worden war, das war ein Trost. Ich sah David Bowie das erste Mal bewusst in „Labyrinth“, dem ersten Film, den ich in den „Spessart-Lichtrspielen“ nicht mehr in der Sonntagnachmittag-Kindervorstellung sehen musste, sondern am potenziell aufregenden Freitagabend anschauen durfte, und war sofort fasziniert von diesem Kobold-König, der eine Gräfin-Guldenburg-Bluse und sehr, also wirklich sehr enge Strumpfhosen trug. Seine Rolle war verwirrend und irgendwie sonderbar sexy, und seine Frisur versöhnte mich mit dem jüngsten Haardebakel auf meinem Kopf. Meine Mutter erzählte mir am nächsten Tag, dass David Bowie eigentlich ein Popstar war, ich fand ihn tatsächlich auf den pergamentenen Seiten im Katalog dieses sonderbaren Plattenversands mit dem hosenlosen Krokodil als Maskottchen, und ein paar Monate später performte ich eine Bodenturnkür im verhassten Sportunterricht, bei der man immerhin die Begleitmusik selbst wählen durfte, zu einer leierigen Kassettenversion von „Changes“. Eine Zeile habe ich nie mehr vergessen. Turn and face the strange – das allerbeste Durchhalte-Mantra, nicht nur für eine Jugend im Unterfränkischen.

Ich weiß nicht mehr, ob ich wirklich daran glaubte, dass sich die Dinge ändern würden, als ich mit Todesverachtung Flugrollen und windschiefen Handstand auf Halbmast darbot, wahrscheinlich eher nicht – in den achtziger Jahren als Schülerin einer Bildungsreinrichtung namens „Mädchenbildungswerk der barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz“ an echte changes zu glauben, wäre doch sehr vermessen gewesen. Aber ich fand – damals vermutlich unbewussten – Trost in der Tatsache, dass es da jemanden gab, der ganz offensichtlich ein Rad ab hatte, sich sonderbarst anzog, sonderbarst aussah – und gleichzeitig wunderschön-, und der, das wichtigste, keine Angst zu haben schien.

Meine Eltern erzählen gerne, dass man mich als Kind unbesorgt irgendwo im Hof absetzen konnte, noch zwei Stunden später würde ich verlässlich an derselben Stelle sitzen, und auch ein paar Jahre später war ich schüchtern und oft verwirrt. Als ich noch mal ein paar Jahre später allmählich lernte, was David Bowie mit der Welt machte, passte alles zusammen.

As an adolescent, I was painfully shy, withdrawn. I didn’t really have the nerve to sing my songs on stage and nobody else was doing them. I decided to do them in disguise so that I didn’t have to actually go through the humiliation of going on stage and being myself. I continued designing characters with their own complete personalities and environments. I put them into interviews with me! Rather than be me — which must be incredibly boring to anyone — I’d take Ziggy in, or Aladdin Sane or The Thin White Duke. It was a very strange thing to do.

„What do you regard as the lowest depth of misery?“, wurde Bowie einmal gefragt. Seine Antwort: „Living in fear.“

Sonderbar sein, ohne Angst zu haben, das war für mich immer die tollste unter den vielen tollen Bowie-Superkräften. Dass er diese Furchtlosigkeit zumindest augenscheinlich bis zuletzt nicht verloren hat, rührt mich sehr. Zumindest sieht er auf diesem Foto, aufgenommen zwei Tage vor seinem Tod, sehr, sehr furchtlos aus. 

Gute Reise. Sag Grüße.